
Andreas Roseneder, "ABENDMAL" , 1984, 12 Teilsegmente, je 1 x 4 Meter gespannt auf Holzrahmen in Bahrenform, auf Molino in Ölfarbe (hauptsächlich Preußischblau mit Eisenoxyd)
Oktober 1984. – Westberlin, Kreuzberg, Pfuhlstrasse, ehemaliger Getreidespeicher am Fluss Spree nächst Schlesischem Tor.
Die Spree vor meinem Atelierfenster wird von den “Vopos” (Volkspolizisten) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) – aufgeregt mit schnellen Motorbooten auf- & abgefahren, einer von ihnen hält einen Feldstecher vor sein Gesicht: mein Nachbar unter dem von mir angemietem Atelierraum, Aktionist aus München mit CWA (CityWallArt) , wie ich seit kurzem in Berlin, hat Trockeneis in das Spreewasser geschmissen, das bis zur Mauer des Gebäudes Osthoheitsgebiet ist. Sektkorken knallen gen Mauerrichtung: ” Der Westen schießt zurück!”
Die politisch trennende Mauer zieht sich hinter dem Wasser am Ufer entlang. Die Spree am Westufer unter unseren Füßen brodelt nicht nur vom Trockeneis.
Ich selber schon als Kind fasziniert von Van Goghs Bild “Sternennacht” male bei Vollmondlicht ein Bild in 12 Teilen, in Bahrenform je 1×4m groß, mit den Spiegelungen des Lichts der Mauerscheinwerfer im bewegten Wasser der Spree, die beleuchtete Mauer quer durchs Bild gezogen. Ich forme & modelliere eine Gipspuppe, male die Züge von Vinzents “Selbstbildnis” auf ihren Kopf, kleide sie in weißen Overall mit Van-Gogh im Coca-Cola-Schriftzug am Rücken, und setze sie kauernd vor den letzten Teil: Vinzent schreibt END mittels Pinsel darauf.
Auf dem Einweihungsfest des Ateliers wird die Puppe von einer ausgelassenen Punk-Gruppe mit Eisenstäben zu Fall gebracht & malträtiert.
Die Künstler-Gruppe endart betreibt um ein paar Ecken in der Oranienstrasse eine Galerie.
Der Plan, das Mauerbild im Kunstraum München aufzustellen & von Vopos die Bahren abtragen zu lassen, scheitert.
Im Jahr darauf fotografiert Philipp Schönborn das Bild in einem Hinterhof in München-Nymphenburg für die Kunstzeitschrift ART.
Auf dem Rasenstück rechts unter der Bildmitte erscheint ein 13. Kopf , in der Kunstzeitschrift werden andere meiner Bilder wie Hesperidenessig & German Bus Stop gezeigt.
Den Impetus zu dieser Arbeit hatte damals Dr. Helmut Friedl, Direktor des Lehnbachhaus München, gegeben, mit Aussicht auf ein Ausstellungsprojekt im Kunstraum München. Ich wollte damals dort die 12 Bahren (1985) im Rahmen einer Performance durch Schauspieler in Volkspolizeiuniform auf- & abbauen lassen. Leider kam es durch andre Umtriebe in Frankreich & der Schweiz nicht dazu.
1989 habe ich einen Bauernhof an der ungarischen Grenze in Wulkaprodersdorf bezogen. Das Bild lagert auf einem Dachboden. Die reele politische Mauer in Berlin ist währendessen kurz vor dem Fall, die ersten Ostberliner kommen um die Ecke bei St. Margarethen über die grüne Grenze aus Ungarn nach Österreich, um in die Bundesrepublik Deutschland weiterzuziehen.
web: www.derturm.at
blog: renedesor.wordpress.com (René Desor= literarisches Ananym von Andreas Roseneder)